Brummmöller: So, Frau Schnökendörfer, halbes Pfund Innereien. Das macht dann 11 Cent. Dann noch einen schönen Tag.
Reporter: Wir stehen hier Am Germersheimer Markt zusammen mit dem städtischen Kämmerer, Herrn Diplom-Finanzignoranten Heinrich von Glöchen, in der Sozialfiliale der Metzgerei Franz Brummöller, in der minderwertige Ware an sozial benachteiligte Familien zu Billigpreisen abgegeben wird. Neben mir auch der Juniorchef des Hauses, Herr Franz Brummöller. Herr von Glöchen, die Stadt spart dadurch Geld; wie kommt das?
Von Glöchen: Ja, was denken Sie denn. Nach der Änderung des Bundesseuchengesetzes ist es uns doch quasi verboten, starke Raucher nach ihrem verfrühten Hinscheiden einfach so unter die Erde zu verfrachten. Das geht ja alles durch den sauren Regen ins Trinkwasser. Und so eine gesamte Umrüstung des gesamten Friedhofsgeländes hätte die Stadt glatt 10 Millionen gekostet, also jetzt als veranschlagte Summe; wenn Sie dann noch die üblichen Margen und nachträglichen Änderungen der Bausummen mit einberechnen, dann sind das glatt 17 Millionen oder mehr.
Reporter: Tatsächlich? Aber nun gibt es auch andere Bestattungsarten, Herr von Glöchen. Wie steht es mit denen?
Von Glöchen: Ja, nun, das denken Sie sich so. Also, Seebestattungen sind schon seit fünf Jahren auf dem Germersheimer Baggersee verboten, da fünf Tage später das Landeskriminalamt wegen Leichenfundes gerufen werden musste. Ein Zusammenhang mit den Seebestattungen konnte aber nie nachgewiesen werden. Und was meinen Sie, wie teuer uns erst die Umrüstung eines ganzen Sees gekommen wäre, nej?
Reporter: Nein, nein. Aber was ist denn mit der Einäscherung und Urnenbeisetzung, Herr von Glöchen?
Von Glöchen: Das ist seit der letzten Änderung des Bundesemissionsschutzgesetzes in Verbindung mit der Landesabgasverordnung nun auch nicht mehr möglich. Dazu hätte das Germersheimer Kreiskrematorium quasi ganz neu errichtet werden müssen. Was meinen Sie, was für Abgase so eine Raucherlunge bei der Verbrennung produziert? Das hätte uns ganze 15 bis 25 Millionen gekostet, also mindestens.
Reporter: Aha. Und wer, Herr von Glöchen, gilt denn nun als starker Raucher?
Von Glöchen: Nach unserer neuen Gemeindeordnung gilt der- bzw. diejenige als starker Raucher bzw. starke Raucherin, dessen oder deren Eltern schon in seiner oder ihrer Kindheit eine Zigarette am Tag in der Hand gehalten haben, also insgesamt, jetzt nicht pro Person. Das mag Sie erstaunen, aber bei der Verschuldungssituation der öffentlichen Haushalte, war diese Maßnahme für unsere Stadt der reinste Segen. Zudem müssen wir durch solche Einrichtungen wie dieses Ladengeschäft hier auch weniger Essensmarken ausgeben, was natürlich auch den Gemeindeetat schont.
Reporter: Da sprechen Sie den nächsten Punkt an, Herr von Glöchen. Was passiert denn nun mit den Raucherleichen?
Von Glöchen: Ja,ja. Damit dann so ein ehemaliger Mitbürger beigesetzt werden kann, müssen ihm natürlich die kranken Organe entfernt werden. Und was dann nicht auf dem städtische Transplantationsmarkt versteigert werden kann, das landet dann in solchen Geschäften wie diesem hier, nej?
Reporter: Und welche Kundschaft, Herr Brummöller, bedienen Sie hier?
Brummöller: Na, mien Jung. Das sind ja nun alles diese Bagage, die sonst immer anne Straßenecke nach nem Euro quakt. Die kaufen hier fürn paar Cent ihr Fleisch. Von soner Raucherlunge, da kann ne ganze sechsköpfige Familie von satt werden. Ich mein, diese Leute vermehrn sich ja wie die Karnickel, nej? Bei diesem ganzen Gerede von dieser Unterklasse, da tun wir ja mal was Gutes.
Reporter: Und wie kommen Sie nun genau an Ihre Waren?
Brummöller: Das geht immer inner Nacht-und-Nebelaktion. Da werden dann die Rohlinge vonner städtischen Sammelstelle abgeholt, und dann geht’s ab in die ehemalige Fleischfabrik. Da wartet dann ein ganzes OP-Team mit Anästhetiker und allem Zeugs und so. Die entfernen dann alles. Und mit der nächsten Stadtreinigung kommt dann die Lieferung zu uns. Ich mein, wir brauchen das ja nicht mehr kühlen, durch die Rauchrückstände sind die ganzen Bakterien und so ja längst abgetötet worden. Da können wir das quasi zu Schleuderpreisen unter die Leute bringen. Und die sind ja dann auch dankbar für, nej?
Reporter: Ja, ja. Mit Billigfleisch gegen den sozialen Abstieg saniert die Gemeinde Germersheim ihren Gemeindehaushalt. Und damit zurück zu meinen Kollegen ins Studio.
Brummöller: Nehmen Se sich und den Kollegen ruhig was mit.
Reporter: Nein, nein, vielen Dank.
(c) 2006
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Den Text habe ich 2006 nach dem Muster von Stenkelfeld gescfhrieben, nachdem ich mitten in der Nacht nicht schlafen konnte, den TV angeschaltet hatte und in eine Sendung mit Rauchverbotsdebatte geraten war.
Reporter: Wir befinden uns vor dem Eva-Hermann-Bau der Wim-Thoelke-Universität zu Germersheim. Bei mir ist Amtsoberrätin, Frau Dr. Antje von Schnusenhuber, die Leiterin des neuen Studienganges „Ökoökonomie“. Frau von Schnusenhuber, als erstes gleich die Frage: Was bringt dieser Studiengang?
Von Schnusenhuber: Ja, genau. Dieser Studiengang führt nach einer Regelstudienzeit im Diplomstudium von 10 Semester zum Abschluss als „Diplom-Familienoberhaupt“ oder „Diplom-Haushaltssklavin“. Gerade nach den neuesten Fachveröffentlichungen von Personen des öffentlichen Lebens sahen wir uns gezwungen einen passenden Studiengang anzubieten. Wir sind allerdings – Stichwort „Bologna-Prozess“ – dazu gezwungen, diese 10 Semester bei Hinzunahme des Stoffes weiterer 5 Semester auf insgesamt vier Semester zusammenzukürzen. Die letzten beiden Semester bis zum Bachelor brauchen die Studierenden dann ja für ihr berufspezifisches Praktikum in der Wirtschaft und ihre Facharbeit.
Reporter: Welche Berufsbilder, Frau von Schnusenhuber, stehen den Absolventinnen und Absolventen des Studienganges danach dann offen?
Von Schnusenhuber: Beide Teilstudiengänge haben dasselbe Grundstudium, in dem hauptsächlich auf die Ausprägung von submissiven Tendenzen bei unseren Studentinnen bzw. dominantem Verhalten bei unseren Studenten geachtet wird; ebenso geht es um die universitären Sentenzen und Theorien über beide Prägungen. Danach teilt sich der Studiengang ganz strikt in den Studiengang „Diplom-Haushaltssklavin“ für die jungen Frauen und „Diplom-Familienoberhaupt“ für die Herren der Schöpfung.
Reporter: Sie hatten das Stichwort „Bologna-Prozess“ schon erwähnt. Frau von Schnusenhuber, werden denn noch andere Studiengänge zu Bachelor- und Master-Studiengängen umgebildet?
Von Schnusenhuber: Aber natürlich, was denken Sie denn. Auch unser neuer Diplom-Studiengang „Praktikum“, den wir bereits vor einem Jahr in weiser Voraussicht eingeführt haben. Hier bilden wir junge Leute zu Diplom-Praktikantinnen und -Praktikanten aus, die in der heutigen Wirtschaftswelt von hoher Bedeutung sind, wie wir von vielen Firmen und Unternehmen hören; auch wird dort eine bessere praxisspezifische Ausbildung gefordert. Dieser Forderung sind wir nun nachgekommen. Entschuldigen Sie mich, ich müsste dann jetzt zur Institutsratssitzung. Aber fragen Sie ruhig die Studierenden selbst nach ihrer Meinung.
Reporter: Danke sehr, Frau von Schnusenhuber. (Studierende gehen vorbei.) Entschuldigung. Entschuldigung, dürfte ich Ihnen.. ein paar Fragen stellen? (Ein Studierender bleibt stehen.)
Hurtle: Ja, bitte?
Reporter: Wer sind Sie bitte, junger Mann?
Hurtle: Mein Name ist Andreas Hurtle und ich bin der studentische Vertreter „Praktikum“ und „ÖkoÖkonomie“. Was kann ich für Sie tun?
Reporter: Wir sind vom Regionalfernsehen und stellen gerade die neuen Studiengänge hier vor. Was sagen Sie als studentischer Vertreter dazu?
Hurtle: Ja nun, in der heutigen Zeit ist es ja eh schwer auf dem Arbeitsmarkt. Da kann natürlich nur der überleben, der die bessere und vor allem am stärksten auf die realen Umstände in der Wirtschaft bezogene Ausbildung durchläuft. Ganz besonders trifft es unsere Kommilitoninnen, die nach ihrem Abschluss ja zwar zunächst für Haushalt und Kinder sorgen müssen, dann aber sonst ohne etwas dastünden, und nun haben sie ihre BA-Ausbildung, ob nun zur Praktikantin oder zur Haushaltssklavin.
Reporter: Und mit diesen Eindrücken von den neuen Studiengängen vor dem Eva-Hermann-Bau der Wim-Thoelke-Universität zu Germersheim zurück ins Studio.
Reporter: Wir melden uns heute aus dem Bundesrat, wo der Entwurf der Bundesregierung zur Änderung der Geschäftsordnung des Bundesrates diskutiert wird. Bei mir ist nun Herr Dr. Wolfram Luhrlein, Leiter des Referats 140 Satzung und Geschäftsordnung beim Bundesrat, der zudem aus Germersheim stammt. Herr Dr. Luhrlein, um was geht es genau?
Luhrlein: Die Mitglieder des Bundesrates, also wollen mal sagen die Ländervertreter, sind entsetzt darüber, dass seit nun mehr fast 30 Jahren die Vertreter des 17. Bundeslandes nie auf einer Bundesratssitzung erschienen sind. Nun hat hier die Bundesregierung einen Entwurf zur Änderung der Geschäftsordnung dahingehend eingebracht, dass der Bundesrat mit 5,5 Siebtel Mehrheit die Absetzung einer untätigen Landesregierung beschließen kann. Dieses ganze Gezeter wegen des 17.Bundeslandes muss endlich einmal aufhören, nej?
Reporter: Nun hat es, so hört man, auch Stimmen gegen eine solche Änderung gegeben, Herr Dr. Luhrlein. Wie man hört hat es hier ein Votum des ausscheidenden Justizministers von Rheinland-Pfalz gegeben, der – so ist zu hören – einen durchaus persönlichen Brief an die Bundesregierung verfasst haben soll.
Luhrlein: Also, dieser Mann ist uns ein Graus. Nun musste er leider aus privaten Gründen sein Amt aufgeben. Wir hätten ihn sonst mit der neuen Regelung aus dem Amt entfernen können. Ja nun, er meinte, die Bundesregierung könne eh schon beim jeweiligen Landesparlament vorstellig werden und dort ihre Eindrücke von der Arbeit der Landesregierung vermitteln: wer's glaubt, dass das eine Bundesregierung je gemacht hätte.
Reporter: Aber ist die neue Regelung dann nicht eine Entmachtung der Landesparlamente und verfassungsmäßig sehr bedenklich, Herr Dr. Luhrlein?
Luhrlein: Ja nun, aber wie will man sonst eine Landesregierung zum Handeln zwingen, frag ich Sie dagegen. Die Landesregierungen sind verpflichtet zu den Sitzungen des Bundesrates mindestens einen Vertreter zu schicken. Und wenn das über Jahre hinweg nicht passiert, dann muss dort eben härter eingegriffen werden.
Reporter: Und die Vertreter der Landesregierungen machen da mit, Herr Dr. Luhrlein?
Luhrlein: Sie übertreffen sich gerade gegenseitig in der Frage, um wie viel härter sie über den Vorschlag der Bundesregierung hinaus vorgehen wollen.
Reporter: Und eine mögliche Einkassierung dieser Regelung durch das Bundesverfassungsgericht fürchten Sie da nicht, Herr Dr. Luhrlein?
Luhrlein: So ein Firlefanz. Nein, nein. Und wenn, dann Ändern wir unsere Bundesrats-Geschäftsordnung eben dahingehend, dass wir auch dieses Gericht absetzen können.
Reporter: Und mit diesen Eindrücken zur neuen Änderung der Geschäftsordnung des Bundesrates hier aus dem Referat 140 der Bundesratsverwaltung zurück ins Studio.
An der Wim-Toelke-Universität zu Germersheim geht scheinbar alles seinen gewohnten Gang. Doch im Fachbereich für Angewandte Alienatik trifft Dekan Dr. Walter B. der Schlag, als er einen Brief vom Universitätspräsidenten, Herrn Privat-Dozenten Uwe L. erhält. Später wird Herr Dr. B. zu Protokoll geben, er habe doch nur eine neue Professur für kinematographische Protodentalik haben wollen. Dieses scheint von Herrn Privat Dozenten L. allerdings falsch verstanden worden zu sein, denn er hat wohl gedacht – so später sein Assistent Jochen Sp. – es handle sich dabei um kriminelle Photogenetik. Die Reaktion des Privat-Dozenten fiel dementsprechend aus: Eine Karikatur einer weiblichen Hilfskraft...
10:17 Inzwischen hat Herr Dr. B. sich beim Leiter der Abteilung „Hundertwasser – Schwimmen in der Schiefe“, Herrn Otto W. für dessen ewigen Opportunismus gerächt: Es soll eine Tomate gewesen sein, die mitten an den Eingang der Abteilung geworfen wurde.
10:28 Diese Beleidigung kann der Assistent von Herrn W. nicht auf sich sitzen lassen. Er kontert mit der Androhung der Tieferlegung des Instituts für navigationelle Introdotalharmonik.
10:32 Der Dekan der Fakultät für antisubstanzielle Materialforschung, Herr Magister Franz H.-von Sch. mischt sich nun auch in die Auseinandersetzung ein, indem er seine Akten mit den Prüfungsaufgaben der letzten und der zukünftigen zehn Jahre aus dem achten Stock dem Assistenz-Direktor des Instituts für probiologische Molekularmetrik, Herrn Steffen Ö. vor die Füße wirft, was er sehr bedauere – wie er später zu Protokoll geben wird – denn er habe ihn selbst treffen wollen.
10:56 Der Prüfungsleiter am Institut für orthodox-anglizismische Retrometaphorik, Herr Dr. Dr. Heinz Ö.-Ü., droht nun an, die Prüfungsordnungen dahingehend zu verschärfen, dass nun niemand nichts nicht studieren kann, auch wenn er oder sie die nötigen Nachweise erbringt.
11:17 Derartige Androhungen bringen nun auch die Abteilung X der Scientonomischen Fakultät in Aufregung. Ihre Leiterin, Frau Prof. Dr. Dr. Antje Schl.-Str. zieht nun die Fäden im Hintergrund. Sie setzt sich mit der Staatsrätin in der zuständigen Behörde, Frau Dr. Mena W. in Verbindung, die nun alarmiert ist, jedoch erst einmal diese Tatsachen der Opposition im Rathaus mitteilt anstatt an den Behördenleiter weiterzuleiten.
11:59 Der Studentenvertreter, Herr Ullrich Ä., nimmt nun die Sache in die eigenen Hände. Dank der offenen Türen am Institut für protoplasmische Subatomik kommt er in den Besitz eines sonnenlicht-empfindlichen Experimentes, welches er hinaus auf den Campus bringt, wo sich alle dissentierenden WissenschaftlerInnen befinden.
12:01 Zwischen den Trümmern irren verstörte Menschen umher, Menschen wie Du und ich, die nur mal eben studieren wollten.